Jonas Deister

Es geht im Social Entrepreneurship um Abschaffung von sich selbst, entweder weil man das soziale Problem gelöst hat oder weil es andere auch machen.

Jonas Deister, Geschäftsführer, Sozialhelden e.V.

Sebastian Gallander

Früher hieß öffentliche Daseinsvorsorge vor allem: Schulen, Straßen und Krankenhäuser. Inzwischen wurde jedoch auch der digitale Raum zu einem entscheidenden Ort für das öffentliche Leben. Deshalb brauchen wir eine Weiterentwicklung hin zu einer auch digitalen öffentlichen Daseinsvorsorge.

Sebastian Gallander, Geschäftsführer, nebenan.de Stiftung

Hanna Lutz

Viele Unternehmen, die kommerzielle Absichten mit den Daten haben, hinterlassen nichts als verbrannte Erde. Soziale Organisationen sind eine für digitale Plattformen schwer zu erreichende Zielgruppe. Wenn soziale Organisationen auf Plattformen wie z.B. Facebook schlechte Erfahrungen gemacht haben, ist es für uns schwieriger, sie von unserer Plattform zu überzeugen.”

Hanna Lutz, Geschäftsführerin, vostel.de

Arne Semsrott

Wir wollen viele dieser Mitglieder-Daten aus Gründen der Datensicherheit gar nicht. Was passiert, wenn die Datenbank gehackt wird, weil es irgendeine Sicherheitslücke gibt? Was passiert, wenn eine Person, die etwas angefragt hat, aufgrund dessen im Arbeitsumfeld Probleme bekommt? Wir wollen gar nicht die Möglichkeit bieten, dass es Sicherheitsprobleme durch uns gibt. Deswegen halten wir viele Daten auch nicht so lange vor, sondern löschen sie vorher.

Arne Semsrott, Projektleiter, FragDenStaat

Jonas Deister

Es geht im Social Entrepreneurship um Abschaffung von sich selbst, entweder weil man das soziale Problem gelöst hat oder weil es andere auch machen.

Jonas Deister, Geschäftsführer, Sozialhelden e.V.

Sebastian Gallander

Früher hieß öffentliche Daseinsvorsorge vor allem: Schulen, Straßen und Krankenhäuser. Inzwischen wurde jedoch auch der digitale Raum zu einem entscheidenden Ort für das öffentliche Leben. Deshalb brauchen wir eine Weiterentwicklung hin zu einer auch digitalen öffentlichen Daseinsvorsorge.

Sebastian Gallander, Geschäftsführer, nebenan.de Stiftung

Hanna Lutz

Viele Unternehmen, die kommerzielle Absichten mit den Daten haben, hinterlassen nichts als verbrannte Erde. Soziale Organisationen sind eine für digitale Plattformen schwer zu erreichende Zielgruppe. Wenn soziale Organisationen auf Plattformen wie z.B. Facebook schlechte Erfahrungen gemacht haben, ist es für uns schwieriger, sie von unserer Plattform zu überzeugen.”

Hanna Lutz, Geschäftsführerin, vostel.de

Arne Semsrott

Wir wollen viele dieser Mitglieder-Daten aus Gründen der Datensicherheit gar nicht. Was passiert, wenn die Datenbank gehackt wird, weil es irgendeine Sicherheitslücke gibt? Was passiert, wenn eine Person, die etwas angefragt hat, aufgrund dessen im Arbeitsumfeld Probleme bekommt? Wir wollen gar nicht die Möglichkeit bieten, dass es Sicherheitsprobleme durch uns gibt. Deswegen halten wir viele Daten auch nicht so lange vor, sondern löschen sie vorher.

Arne Semsrott, Projektleiter, FragDenStaat

Expert*inneninputs zur achten Kommissionssitzung am 09.08.2019

Viele Unternehmen, die kommerzielle Absichten mit den Daten haben, hinterlassen nichts als verbrannte Erde. Soziale Organisationen sind eine für digitale Plattformen schwer zu erreichende Zielgruppe. Wenn soziale Organisationen auf Plattformen wie z.B. Facebook schlechte Erfahrungen gemacht haben, ist es für uns schwieriger, sie von unserer Plattform zu überzeugen.

Hanna Lutz, Geschäftsführerin, vostel.de

Zur achten Sitzung

Die Sachverständigenkommission des dritten Engagementberichts trifft sich monatlich. Zu jeder Kommissionssitzung werden Vertreter*innen von Vereinen, Organisationen oder Aktivist*innen eingeladen, um mit den Kommissionsmitgliedern über ihre Erfahrungen aus der Praxis zu diskutieren.

Der Titel der achten Kommissionssitzung war Infrastruktur und Plattformisierung. Im Mittelpunkt standen die Fragen: Was sind aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren die wichtigsten Entwicklungen im Bezug auf die digitale Infrastruktur im Engagementsektor (wie z.B. verbreitete Software oder Plattformen als auch Probleme oder Vorteile, die Sie darin erkennen) und welche Befürchtungen oder Hoffnungen diesbezüglich haben Sie für die Zukunft?

Im Folgenden können Sie die Statements der Inputgeber*innen lesen. Es ist außerdem möglich, das vollständige Protokoll herunterzuladen.

Inputgeber*innen

Jonas Deister

Jonas Deister

Geschäftsführer, Sozialhelden e.V.

Jonas Deister ist Geschäftsführer von Sozialhelden e.V. Das Projekt sensibilisiert Menschen und Organisationen dafür, Menschen mit Behinderungen als Zielgruppe bei ihren Produkten und Dienstleistungen wahrzunehmen und zu bedenken. Ziel ist es, auf soziale Probleme aufmerksam zu machen und sie im besten Fall zu beseitigen. Unter anderem wurde von Sozialhelden e.V. 2010 die Wheelmap ins Leben gerufen. Wheelmap ist die größte freie Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte weltweit. Gepflegt wird die Karte von einer großen Community von Freiwilligen, die laufend neue rollstuhlgerechte Orte eintragen und bewerten. Nutzer können sich diese dann als App herunterladen. 

"Es geht im Social Entrepreneurship um Abschaffung von sich selbst, entweder weil man das soziale Problem gelöst hat oder weil es andere auch machen."

Deister ist Geschäftsführer von Sozialhelden e.V. und erzählt aus der Praxis der Plattform https://wheelmap.org. Die Plattform wurde vor 10 Jahren mit der Idee gestartet, das Wissen bzgl. der Barrierefreiheit eines Ortes digital zu teilen und leicht zugänglich zu machen.

Hintergrund sei gewesen, dass der Vorsitzende von Sozialhelden e.V. Raúl Krauthausen als Rollstuhlfahrer die Erfahrung gemacht habe, dass viele seiner Freunde nicht wussten welche Orte für ihn befahrbar sind und welche nicht. So wurde das Projekt zunächst im Freundeskreis gegründet und gewann schnell an Dynamik. Wheelmap.org erreichte, auch durch einen Werbespot von Google, schnell eine hohe Bekanntheit und die Anzahl der anhand ihrer Rollstuhlgerechtigkeit bewerteten Orte stieg rasant. Der Entwicklungsprozess sei sehr dynamisch und das Team habe viele Wünsche und Impulse aus der Community entgegengenommen, um ihr Produkt weiterzuentwickeln. So habe sich die Community z.B. Übersetzungen für die Plattform gewünscht, was nun in Crowd-Sourcing Arbeit umgesetzt wird.

Von Nutzer*innenseite kam zudem die Idee von Mapping-Events auf, also das Mapping von Orten nicht alleine, sondern mit Freunden und Bekannten als eine Art Veranstaltung durchzuführen. Sozialhelden e.V. griff diese Idee auf und entwickelte ein Konzept, um es Gruppen zu erleichtern, solche Mapping-Events durchzuführen. 

Diese Mapping-Events seien aus verschiedenen Gründen sehr erfolgreich. Wheelmap.org ist sehr einfach per Smartphone und ohne Registrierung zu bedienen und stellt bei der Markierung von Orten nur die wesentlichen Fragen, nämlich, ob der Ort voll barrierefrei, teilweise oder nicht barrierefrei zugänglich ist und, ob eine rollstuhlgerechte Toilette vorhanden ist. Weiterhin sei die Dezentralität mit gleichzeitigem starkem lokalem Bezug ein Vorteil, da diese es ermöglicht, dass sehr unterschiedliche Gruppen aktiv werden können, auch international. So könnten z.B. Unternehmen Aktionen starten, in denen die eigenen Filialen kartiert werden, international tätige Jugendgruppen wie z.B. die LEOs, und Bildungseinrichtungen, wie in Berlin die Geschwister-Scholl-Schule mit ca. 500 Schüler*innen eine eintägige Aktion durchführte. Ein weiterer, motivierender Faktor könnten die eingebauten Gamification-Elemente wie Badges und der Vergleich mit anderen Nutzer*innen, sein. Ein letzter Vorteil für die Teilnehmenden sei es, dass das Engagement an einem Tag abgeschlossen werden kann, aber dennoch mit einem Erfolgserlebnis verbunden sei, da die Ergebnisse sichtbar und direkt nutzbar sind.

Wheelmap.org habe außerdem einige realweltliche positive Effekte in Bezug auf Behindertengerechtigkeit. Zum einen würden die Teilnehmenden, wie z.B. die Schüler*innen der Geschwister-Scholl-Schule, sensibilisiert. Da das Team von Sozialhelden e.V. den realen Impact stärken wollte, haben sie Rampenaktionen ins Leben gerufen. Es seien Spenden gesammelt worden um Rollstuhlrampen zu finanzieren, auf die sich Betreibende von Restaurants und Geschäften bewerben könnten. Bei Mapping-Aktionen können Teilnehmenden z.B. mit Restaurantbetreibenden in Kontakt treten und ihnen vorschlagen, den Zugang zur Lokalität mit einer Rampe barrierefreier zu gestalten. Dadurch hätten die Organisierenden die Erfahrung gemacht, dass viele Verantwortliche einfach noch nie darüber nachgedacht hätten, weil sie noch nie mit der Thematik konfrontiert wurden. Somit tragen die Aktionen nicht nur zur Sensibilisierung der Teilnehmenden bei, sondern auch zur Sensibilisierung der Besitzer*innen der Läden und Restaurants im kartografierten Gebiet. Darüber hinaus entstünden über die Mapping-Events Daten, mit denen politisches Agenda-Setting betrieben werden könne, um Veränderungen zu fordern.

Deister kommt auch auf einige Probleme zu sprechen. Zum einen würden einige Kritiker*innen bemängeln, dass es aufgrund der sehr geringen Einstiegshürde beim Kartografieren (z.B., weil Nutzer*innen sich nicht einmal registrieren müssen) die Qualität der Daten gering sein könnte, weshalb sie eine stärkere Kontrolle der Daten fordern. 

Zu dieser Kritik erklärt Deister, dass sie über wheelmap.org explizit darauf hinweisen, dass es Fehler geben kann und Nutzer*innen auffordern, diese zu korrigieren. Außerdem überlegen sie eine Art Trust-Index zu entwickeln, der angibt wie sicher eine Information sei, so könnten sie z.B. angeben wie viele Nutzer*innen einen Ort entsprechend markiert haben. Des Weiteren gibt es neben den von der Crowd erhobenen Daten auch qualifizierte/ verifizierte Daten die eingebunden werden sollten. Überhaupt sei das Ziel alle möglichen Datenquellen einzubinden, wodurch auch eventuelle Diskrepanzen auffallen würden. Deister merkt allerdings auch an, dass die Kritik hauptsächlich von Behörden komme. Behörden könnten unter diesen Umständen wheelmap.org nicht nutzen, da Behördeninformationen gesichert sein müssten.

Weiterhin können digitale Instrumente Bevölkerungsgruppen ausschließen. Um Exklusion zu vermeiden, stellt Sozialhelden e.V. für Menschen die hör- oder sehbehindert sind barrierefreie Tools zur Verfügung und für Menschen mit geringer Technikaffinität (z.B. ältere Menschen) auch low-tech Varianten, die schlicht mit Stift und Papier zu handhaben sind. Zuletzt bemerkt Deister, dass Facebook und Eventbrite zwar für die Planung von Events hilfreich seien, es aber eine große Diskrepanz gebe zwischen der Anzahl von Personen, die angeben, dass sie zu einer Aktion kommen wollen und der Anzahl von Personen, die tatsächlich erscheinen. Die Verbindlichkeit der Menschen, die sich online für Aktionen registrierten, sei eher gering.

Sebastian Gallander

Sebastian Gallander

Geschäftsführer, nebenan.de Stiftung

Sebastian Gallander leitet die nebenan.de Stiftung seit 2018. Die Stiftung fördert Projekte für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und setzt sich für die Stärkung lebendiger Nachbarschaften ein. Dafür vergibt die Stiftung jährlich den Deutschen Nachbarschaftspreis und initiiert seit 2018 bundesweit den Tag der Nachbarn. In dem Projekt nebenan für Europa hat er Nachbarn aufgerufen, gemeinsam wählen zu gehen, um die Wahlbeteiligung an der Europawahl 2019 zu steigern.

"Früher hieß öffentliche Daseinsvorsorge vor allem: Schulen, Straßen und Krankenhäuser. Inzwischen wurde jedoch auch der digitale Raum zu einem entscheidenden Ort für das öffentliche Leben. Deshalb brauchen wir eine Weiterentwicklung hin zu einer auch digitalen öffentlichen Daseinsvorsorge."

Gallander arbeitet für die nebenan.de Stiftung gGmbH, die gemeinnützige Tochterorganisation der Onlineplattform nebenan.de, welche von der Good Hood GmbH betrieben wird. Das Ziel von Stiftung und Plattform sei das gleiche: Das gute Miteinander in der Nachbarschaft und in der Gesellschaft zu fördern. 

Sein Interesse für Engagement wurde durch das Buch Bowling Alone von Robert D. Putnam geweckt. In der Reflektion seiner Arbeit habe ihm ein neues Buch von Marc Dunkelman namens The Vanishing Neighbor geholfen, in dem soziale Beziehungen aus drei Kreisen bestehend beschrieben werden. Der innere Kreis stellt die engsten Freunde und Familienmitglieder dar, der mittlere repräsentiert Personen, denen wir tagtäglich, z.B. in Vereinen oder in der Kirche, begegnen und der äußere Kreis sind weitere Bekannte und z.B. Facebook-Freunde. Dieser äußere Kreis sei in den letzten Jahren immer größer geworden, auf Kosten des mittleren Kreises. Diese Systematik sei hilfreich, weil sie einen Hinweis auf einen schleichenden Prozess in der Gesellschaft gebe, der mit Vereinsamung und Spaltungstendenzen einhergeht. Die historisch beispiellose enge Verbindung über digitale Medien scheint mitverantwortlich zu sein, denn digitale Medien seien sehr stark von Tech-Konzernen geprägt die immer intensiver um unsere Aufmerksamkeit wetteifern und immer ausgefeiltere Methoden nutzen würden, um uns genau das anzuzeigen was wir sehen wollen. Immer mehr Zeit und Aufmerksamkeit werde also z.B. von Mobiltelefonen absorbiert, “weg vom richtigen Leben”. Gleichzeitig würden wir dort immer nur die Sachen sehen, die sowieso unsere Meinung bestätigen, was die Spaltung der Gesellschaft verschärfe und Hass und Aggressivität soweit schüre, dass es schon in das normale Leben überschwappen würde. Letztendlich seien wir also in der virtuellen Welt immer näher mit den Menschen, die so sind wie wir und unsere Ansichten teilen, zusammengerückt, auch wenn sie auf anderen Kontinenten leben. In der realen Welt hingegen hätten wir uns immer mehr von den Menschen, die nicht so sind wie wir, entfernt, auch wenn sie unsere Nachbarn sind. 

Zwar gebe es keine einfachen Antworten auf die Frage, wie man die Menschen in der realen Welt wieder zusammenbringen könnte, ein Weg sei allerdings die gezielte Vernetzung von Menschen im lokalen Raum mit Hilfe von digitalen Technologien. Anders als bei Facebook, wo man mit ganz vielen Menschen auf der ganzen Welt vernetzt ist, gibt es bei nebenan.de viele kleine Nachbarschaftsnetzwerke. Nebenan.de ist also ein digitales Hilfsmittel, welches letztendlich immer wieder zu Begegnungen im analogen Leben führt. 

Zuletzt erzählt Gallander von einer Aktion der nebenan.de Stiftung im letzten Jahr, in der sie dazu aufgerufen haben, dass die Menschen, die sich sonst nur flüchtig auf dem Hausflur oder auf der Straße begegnen, bei kleinen Nachbarschaftsfesten zusammenkommen sollten. Die Aktion wurde „Der Tag der Nachbarn“ genannt und führte letztendlich zu über 1000 Festen deutschlandweit, weshalb die Aktion dieses Jahr wiederholt wurde. Dieses Jahr hat sich die Zahl der Feste sogar verdoppelt und die Anzahl und Diversität (bzgl. Migrationshintergrund, Alter, Ost/West-Verteilung) der Teilnehmenden hat stark zugenommen. Dies zeige, dass es möglich sei, Menschen dazu zu motivieren, wieder mehr zusammenzukommen, wenn man u.a. mit digitalen Methoden eine kleine Anregung setze, den Menschen aber in der Umsetzung viel Freiraum ließe und all das mit einem übergreifenden Dach verbände.

Hanna Lutz

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Geschäftsführerin, vostel.de

Hanna Lutz ist Mitgründerin sowie Geschäftsführerin von vostel.de. Das Sozialunternehmen wurde 2015 gegründet und vermittelt Engagementangebote an Freiwillige, berät Non-Profit-Organisationen und  unterstützt Unternehmen bei der Planung und Durchführung ihrer Corporate Volunteering-Aktivitäten. Mithilfe des vostel-o-mats konnte die digitale Engagementplattform seit Gründung bereits 9.839 Freiwillige an eine ihrer 425 Partner-Organisationen vermitteln. Vermittelt werden sowohl kurzfristige, einmalige Einsätze wie auch regelmäßige Ehrenämter.

"Viele Unternehmen, die kommerzielle Absichten mit den Daten haben, hinterlassen nichts als verbrannte Erde. Soziale Organisationen sind eine für digitale Plattformen schwer zu erreichende Zielgruppe. Wenn soziale Organisationen auf Plattformen wie z.B. Facebook schlechte Erfahrungen gemacht haben, ist es für uns schwieriger, sie von unserer Plattform zu überzeugen."

Hanna Lutz ist eine der Gründerinnen der digitalen Engagementplattform vostel.de. Die Plattform hat das Ziel, junge Menschen zwischen 16 und 34 Jahren mit sozialen Organisationen, die nach Freiwilligen suchen, zusammenzubringen. Seit der Gründung 2015 seien in bisher sechs teilnehmenden Städten über 10.000 Freiwillige vermittelt worden. Als die Plattform gegründet wurde, sei die Landschaft der digitalen Engagementplattformen noch sehr übersichtlich gewesen. Im Zuge der rasanten Entwicklung der Digitalisierung in allen Lebensbereichen seien immer mehr digitale Engagementplattformen auf den Markt gekommen. Die Gründer*innen dieser Plattformen würden auf den Bedarf einer jüngeren Zielgruppe reagieren, die sich hauptsächlich online bewegt. Die wachsende Anzahl an Engagementplattformen und -Apps berge Chancen und Herausforderungen.

Eine Chance liege in der reichen Landschaft von digitalen Engagementplattformen, weil dadurch ein sehr flächendeckendes Angebot, räumlich und inhaltlich für die Freiwiligensuche sozialer Organisationen gewährleistet sei. Derzeit gebe es ca. 30 mehr oder weniger aktive digitale Plattformen für die Vermittlung von Freiwilligen für ein passendes Engagement. Ein Drittel davon sei bundesweit verfügbar, der Rest konzentriere sich auf einzelne Regionen oder Städte. Die Plattformen für junge Menschen, zu denen sich auch vostel.de zähle, würden sich erst mal auf (Groß-)Städte fokussieren, da dies am erfolgversprechendsten sei. Alle Engagementplattformen seien im ländlichen Raum deutlich unterrepräsentiert. 

Die existierenden Engagementplattformen ergänzen sich inhaltlich, so Lutz. So würde die Freiwilligendatenbank von Aktion Mensch vorrangig die klassischen Ehrenämter bewerben, während jüngere Plattformen, wie vostel.de, auch das Ziel hätten, neue Engagementformen in den Fokus zu rücken, also z.B. Online-Volunteering und kurzfristige Engagementmöglichkeiten. Außerdem gebe es Plattformen wie youvo die sich auf Skill-basiertes Engagement fokussieren würden. Trotz dieser Vielfalt der Plattformen gebe es mittlerweile eine Redundanz hinsichtlich der Angebote und Zielgruppen.

Eine Herausforderung sei, dass es aufgrund der hohen Nachfrage von jungen Menschen eine Vielzahl von Plattformen gebe. Bei sozialen Organisationen seien diese allerdings noch relativ unbekannt. In Workshops, Coachings und in Gesprächen mit sozialen Organisationen würden sie erfahren, dass nur wenige Organisationen digitale Engagementplattformen zur Freiwilligensuche nutzen würden. Der Grund sei, dass die Organisationen einfach nicht von den Onlineplattformen wissen würden. Außerdem gebe es eine allgemeine Skepsis gegenüber der Digitalisierung, bzw. eine spezifische Skepsis gegenüber digitalen Tools in den Organisationen. Weiterhin beobachte Lutz eine große Irritation verbunden mit der großen Anzahl an Engagementplattformen. Es sei schwer für die Organisationen einen Überblick über das große Angebot zu erhalten, weshalb sie sich am Ende oft gegen die Nutzung einer Online-Plattform entscheiden würden. Ein weiteres Problem sei, dass Einrichtungen die ausreichend Ressourcen besitzen, also die Wohlfahrt, aber auch andere große Träger, anfangen eigene technische Lösungen für die Akquise und das Management der Freiwilligen zu entwickeln, anstatt auf bestehende Lösungen zurückzugreifen. Es benötige also eine Übersicht über das Plattformangebot, wie diese aber aussehen sollte, wisse Lutz nicht.

Arne Semsrott

Arne Semsrott_neu

Projektleiter, FragDenStaat

Arne Semsrott ist Projektleiter bei FragDenStaat. Seit 2011 kämpft FragDenStaat für Informationsfreiheit in Deutschland. Mit dem Portal werden Bürger*innen bei dem Zugriff auf staatliche Dokumente und Akten unterstützt. Zugleich ist FragDenStaat Wissensspeicher amtlicher Informationen mit über 100.000 öffentlich einsehbaren Anfragen. Getragen wird das Projekt von der gemeinnützigen Open Knowledge Foundation Deutschland e.V.

"Wir wollen viele dieser Mitglieder-Daten aus Gründen der Datensicherheit gar nicht. Was passiert, wenn die Datenbank gehackt wird, weil es irgendeine Sicherheitslücke gibt? Was passiert, wenn eine Person, die etwas angefragt hat, aufgrund dessen im Arbeitsumfeld Probleme bekommt? Wir wollen gar nicht die Möglichkeit bieten, dass es Sicherheitsprobleme durch uns gibt. Deswegen halten wir viele Daten auch nicht so lange vor, sondern löschen sie vorher."

Arne Semsrott ist Projektleiter bei der Open Knowledge Foundation (OKF). Die OKF ist ein gemeinnütziger Verein der u.A. Projekte betreibt, die digitale Infrastruktur für die Zivilgesellschaft bereitstellen. Ein Beispiel dafür ist das von Semsrott geleitete Projekt FragDenStaat, über das Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz an öffentliche Stellen in Deutschland gestellt werden können. Weitere Projekte sind offenesparlament.de, offenerhaushalt.de und kleineanfragen.de. Sie alle sind ehrenamtlich gestartete Projekte und stellen mittlerweile in ihren jeweiligen Bereichen für die Zivilgesellschaft digitale Infrastruktur dar. Deutlich mehr als die Hälfte aller Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz in Deutschland würden über FragDenStaat gestellt. Das gleiche gilt für Antworten auf kleine Anfragen von Landesparlamenten und vom Bundestag, welche heutzutage nicht nur von zivilgesellschaftlichen Organisationen, sondern auch von anderen Akteuren, wie z.B. die Bundestagsverwaltung, primär über kleineanfragen.de eingesehen werden. So würde die Bundestagsverwaltung teilweise nicht mehr auf ihr eigenes Dokumentationssystem verlinken, sondern auf kleineanfragen.de. Das liege daran, dass Informationen auf kleineanfragen.de sehr viel schneller auffindbar seien als auf den Seiten der Verwaltung. Dies zeige, wie wichtig diese Webseiten und ähnliche Projekte inzwischen seien. Dies führe jedoch nicht dazu, dass sie auch gut finanziert sind. 

Die Finanzierung stelle das erste und größte Problem dar, u.a. weil es für staatliche Förderung immer notwendig sei, einen neuen Prototyp zu entwickeln, während für die bloße Instandhaltung eines guten Projekts keine Förderung zur Verfügung stehe. Aus diesem Grund wurde auch FragDenStaatPLUS entwickelt. FragDenStaatPLUS hätte auch als Teil von FragDenStaat funktionieren können, so Semsrott. Es habe aber einen neuen Projektnamen gebraucht, um Projektförderung erhalten zu können.

Das zweite Problem sei die mangelnde, bzw. inexistente, Kommunikation zwischen öffentlichen Stellen und den Projekten. Zwar nutzen diese Stellen die Arbeit der Projekte, aber es werde wenig dafür getan, dass die Projekte auch weiter funktionieren können. Aus diesem Grund müsse z.B. das Projekt kleineanfragen.de eingestellt werden, weil die vom Projekt genutzten APIs ohne jegliche Kommunikation verändert würden, wodurch das Abrufen der Dokumente von kleineanfragen.de scheitere. Dies bringe einen zu großen Aktualisierungsaufwand mit sich, der insb. auf ehrenamtlicher Basis, nicht zu stemmen sei: „Das Problem sind die Landesverwaltungen, die einen großen  Relaunch ihrer Websites beauftragen und uns nicht Bescheid geben. Die APIs funktionieren dann nicht mehr, dadurch sind alle Dokumente auf kleineanfragen.de weg und wir müssen schauen, wo wir bleiben.“

Da sei eine gemeinsame Lösung mit der Verwaltung nicht möglich gewesen. Stattdessen würden sie beobachten, dass Verwaltungen die Projekte kopieren, was Semsrott an sich nicht problematisch findet, da es primär darum ginge, dass die Informationen verfügbar sind. Problematisch sei allerdings, wie es z.B. beim Finanzministerium abgelaufen sei: 

„Das Finanzministerium hat mit erheblichen Kosten das IT-Beratungsunternehmen Capgemini beauftragt, die Website neu zu entwickeln. Sie haben nicht das durch uns bestehende Open Source-Projekt gewählt, wo der Code frei weiterverwendet werden kann. Stattdessen vereinbarten sie einen Rahmenvertrag mit Capgemini für einen kompletten Relaunch. Somit ist der Website-Quelltext des Finanzministeriums nicht mehr frei zugänglich, sondern “closed-source” und kann dadurch als Produkt an andere “Kunden” weiterverkauft werden. Capgemini hat selbstverständlich einen besseren Vertrieb als wir, wir haben ja letztlich nur den Code online. So führt der fehlende Dialog also dazu, dass das Prinzip von Open Source und kollaborativen Arbeiten nicht beachtet wird.“

Ein drittes Problem sieht Semsrott in der Verteilung von Personal und Ressourcen hin zu Medien und PR-Abteilungen. PR-Abteilungen seien über die letzten Jahre aufgewertet worden mit dem Ziel, Botschaften an die Öffentlichkeit zu tragen.  Die Informationen, die von Bürger*innenseite in Politik und Verwaltung angefragt werden, werden hingegen nur sehr langsam bereitgestellt und veröffentlicht. Die Bereitstellung von Daten und die Bearbeitung von Anfragen würden vernachlässigt So sei im Innenministerium seit zehn Jahren nur eine Person für die Bearbeitung von Informationsanfragen zuständig.  Auch die schlechte Nutzbarkeit der Seite bundestag.de sei ein Indiz für die geringe Priorisierung der Datenverfügbarkeit auf Bundesebene. Selbst Abgeordnete würden die Googlesuche nutzen, um Dokumente auf bundestag.de zu finden. Dies sei kein Wunder, denn die leichte Auffindbarkeit von Informationen war nicht Teil des Lastenhefts für den Relaunch der Bundestags-Seite, welche die OKF über eine Informationsfreiheitsgesetz-Anfrage erhalten habe. Stattdessen lag die Priorität auf der mobilen Darstellung und responsivem Design. Das sei zwar auch wichtig, ließe allerdings außen vor, wie mit den dahinterliegenden Informationen umgegangen werden sollte.

7. Sitzung: Junge Stimmen

19. Juli 2019

“Wie steht es aus Ihrer Sicht um das junge Engagement in Deutschland? Was müsste die Politik aus Ihrer Sicht tun, um es zu stärken und welche Rolle spielt die Digitalisierung für das junge Engagement?”

6. Sitzung: Lessons Learned

19. Juli 2019

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Schwierigkeiten und Hürden für die Umsetzung von Digitalisierungsschritten (wie z.B. Social Media und digitale Öffentlichkeitsarbeit, Nutzung von Plattformen oder die Umstellung auf neue digitale Infrastruktur) in Organisationen des zivilen Engagements?

5. Sitzung: Engagement von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

16. April 2019

Wie verändert sich aus Ihrer Sicht das Engagement von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor dem Hintergrund der Digitalisierung? Welche Herausforderungen und Vorteile ergeben sich dadurch für Ihre Arbeit?

4. Sitzung: Trends des digitalen Engagements

16. April 2019

Welche Arten der Engagements oder Möglichkeiten der Umsetzung sind mit der Digitalisierung aus Ihrer Sicht neu entstanden und welche Veränderungen ergeben sich daraus allgemeiner für das Engagement der Zivilgesellschaft heute?

3. Sitzung: Digitalisierung des Engagementsektors

16. April 2019

Welche Veränderungen lassen sich in Zeiten der Digitalisierung im Engagementsektor beobachten und welche Entwicklungen halten Sie für richtungsweisend für das junge Engagement der Zukunft?